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Warum der Begriff "Erblichkeit der Intelligenz" irreführend ist

Am 1. Mai 2016 erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung auf Seite 24 ein gekürzter Text von mir unter dem Titel "Warum Thilo Sarrazin die Genetik nicht versteht". Hier präsentiere ich die Langform mit meinem eigenen Titel und mit Fußnoten als Belege.

 

Warum sollte es uns beunruhigen, dass Flüchtlinge aus Ländern mit „niedriger Bildungsleistung“ nach Deutschland kommen? Thilo Sarrazin verrät es uns in seinem neuen Buch[1]: Intelligenz sei nun mal „erblich“, schreibt er. Der Leser soll sofort verstehen, wo das Problem liegt: Erbdumme Leute bekommen erbdumme Kinder, und die Dummen werden immer mehr - bis Deutschland sich abgeschafft hat.

 

Nun könnte man einwenden, dass zwar seit dem vorletzten Jahrhundert immer wieder ein durch übermäßige Vermehrung von „Minderbegabten“ verursachter genetischer Niedergang („Dysgenik“) vorausgesagt wurde – dieser aber nie eingetreten ist. Man könnte darauf hinweisen, dass die Qualifikation der Bevölkerung zugenommen hat, dass die messbare Intelligenz nachweislich angestiegen ist[2] und dass viele der Akademiker in Deutschland heute aus Familien stammen, denen man vor wenigen Generationen eine „niedrige Bildungsleistung“ attestiert hätte.

 

Doch Sarrazin orientiert sich nicht an der Empirie, sondern an einem wissenschaftlichen Modell, das er nicht verstanden hat oder bewusst für politische Zwecke missbraucht.

 

Das umgangssprachliche Verständnis von "erblich" hat mit der wissenschaftlichen Definition nichts zu tun. Lexika bezeichnen zwar "erblich" und "angeboren" als Synonyme, aber das ist wissenschaftlich falsch, denn die „Erblichkeit“ („Heritabilität“) angeborener Merkmale kann nahe Null sein. Jeder wird z. B. akzeptieren, dass die Zweibeinigkeit des Menschen ein angeborenes Merkmal darstellt, von dem es extrem selten angeborene Abweichungen gibt. Betrachten wir eine Gruppe erwachsener Menschen, sind Abweichungen von der Norm fast ausschließlich umweltbedingt (z. B. durch Unfälle). Da „Erblichkeit“ in der Wissenschaft aber den genetisch verursachten Anteil an der Gesamtvarianz eines Merkmals beschreibt, bedeutet dies, dass die "Erblichkeit" der Zweibeinigkeit nahe 0% ist.

 

Der Leser prüfe sich, ob er angesichts dieser Aussage wirklich versteht, was es bedeutet, wenn er liest, dass die "Erblichkeit" der Intelligenz 80% betrage. Ich habe deshalb von meinen Studenten verlangt, diesen Begriff grundsätzlich nicht zu verwenden, sondern immer den wissenschaftlich korrekten Begriff "genotypischer Varianzanteil an der Gesamtvarianz" einzusetzen.

 

Dann ist plötzlich auch ein ansonsten scheinbar widersinniger Satz sinnvoll. Aus

"Die Erblichkeit eines jeden Merkmals in einem ingezüchteten, völlig reinerbigem Stamm ist null"

wird:

"Der genotypische Varianzteil an der Gesamtvarianz eines jeden Merkmals in einem ingezüchteten, völlig reinerbigem Stamm ist null".

 

Vereinfacht dargestellt funktioniert das Modell folgendermaßen: Je ungleicher die Umwelteinflüsse innerhalb einer untersuchten Gruppe sind (von sehr fördernd bis sehr hemmend), desto geringer wird der genotypische Varianzanteil an der Gesamtvarianz eines Merkmals. Oder umgekehrt: Je gleicher die Umwelteinflüsse sind, desto eher lassen sich Unterschiede innerhalb der Gruppe auf genetische Unterschiede zurückführen.

 

Die in der Literatur für die menschliche Test-Intelligenz angegebenen genotypischen Varianzanteile (zwischen nahezu null und nahezu 100 Prozent)[3] beziehen sich also nicht auf die Eigenschaft „an sich“, sondern auf die genetisch verursachte Unterschiedlichlichkeit innerhalb einer Gruppe zu einer bestimmten Zeit. Einen allgemeingültigen genotypischen Varianztanteil gibt es nicht, er ist umweltabhängig und keine Naturkonstante.

 

Nun behauptet Sarrazin im Interview mit der FAZ (24.4.2016): „Wenn man die Ungleichheit der Chancen abbaut, treten die angeborenen Unterschiede umso stärker hervor.“ Richtig wäre es zu sagen: „Erst wenn man die Ungleichheit der Chancen abbaut, kann man erkennen, wieviel von den Unterschieden genetisch bedingt ist.“ Der genotypische Varianzanteil läge dann nahe 100 Prozent[4] – und insgesamt würden die Unterschiede zwischen den Individuen nicht stärker hervortreten, sondern um jenen Anteil verringert werden, der auf Umweltwirkungen zurückzuführen ist. Denn das ist es, was ein hoher genotypischer Varianzanteil in diesem Zusammenhang bedeutet: ein hohes Maß an Chancengleichheit.

 

Studien, die gezeigt haben, dass Adoptionen in besser situierte soziale Schichten die Durchschnittsintelligenz von Adoptivkindern auf das durchschnittliche Niveau der Adoptiveltern heben[5],  widerlegen die These von der „Erbdummheit“ bestimmter Bevölkerungsgruppen, die Thilo Sarrazin predigt. Selbst wenn in zwei unterschiedlichen Gruppen, die sich in Bezug auf den Durchschnitts-IQ unterscheiden, der genotypische Varianzanteil jeweils 100% betrüge, könnte der Unterschied zwischen den Gruppen zu 100% umweltbedingt sein[6].

 

Der genotypische Varianzanteil sagt somit nichts über biologische Grenzen der Förderung bestimmter Individuen oder Gruppen aus und hat nichts mit der Veränderbarkeit der Eigenschaft zu tun. Der durchschnittliche IQ in den Industriestaaten lag um 1900 (in der Generation meiner Urgroßeltern) nach heutigen Standards nahe 80 Punkten, an der Grenze zur Debilität[7]. Die Effekte der Bildungsexpansion belegen also eindrucksvoll die Umweltabhängigkeit der meßbaren Intelligenz.

 

Dieser Tatbestand ist relevant in Bezug auf eine andere Aussage von Sarrazin. Er sagt: „Nach den Erkenntnissen der Bildungsforschung lassen sich die Unterschiede im Wohlstand der Nationen sehr weitgehend durch die Unterschiede im Wissenskapital, gemessen an den kognitiven Kompetenzen der Bevölkerung erklären.“ Wenn das heißen soll: „Der Durchschnitts-IQ eines Volkes ist Ursache für dessen Wohlstandsniveau“ – dann stellt Sarrazin einen Zirkelschluss ohne Aussagekraft auf, denn die Umweltbedingungen (sozioökonomische Lage, Bildungschancen) haben ihrerseits Einfluss auf die IQ-Entwicklung (s.o.).

Wollte Sarrazin jedoch sagen: „Gute Bildungschancen fördern den Wohlstand“, dann kann man ihm nur zustimmen. Sehen wir also zu, dass wir gute Bildungschancen schaffen – für unsere eigenen Kinder und für die Kinder der Flüchtlinge, die es nicht verdient haben, in ihren Chancen beschnitten zu werden, weil ein Bestseller-Autor nicht imstande oder willens  ist, die Logik eines biologischen Modells zu durchdringen.

 


[1] Sarrazin T (2016). Wunschdenken: Europa, Währung, Bildung, Einwanderung - warum Politik so häufig scheitert. DVA-Verlag.

[2] Flynn JR (2013) Why our IQ levels are higher than our grandparents. Ted Talks, Long Beach https://youtu.be/9vpqilhW9uI

[3] Turkheimer E (2003). Socioeconomic status modifies heritability of IQ. Psychol. Sci. 14(6): 623-628

[4] Ein merkmalsabhängiger Rest von Variabilität ist immer auch zufälligen Richtungsentscheidungen im individuellen Entwicklungsprozess zuzuordnen.

[5] Die von der Intelligenzforschung gern bemühten Korrelationen zwischen den IQs von Adoptionseltern, leiblichen Eltern und Kindern sind hier nicht relevant, denn die Intelligenz von Eltern ist nicht der entscheidende Umweltfaktor für die Intelligenzentwicklung. Die durchschnittliche Ähnlichkeit der Intelligenz von Adoptionskindern zu ihren Adoptionseltern beruht auf der Wirkung anderer Umweltfaktoren (Bildungschancen etc.). Vgl. Fischbach und Niggeschmidt (2016) Seite 25ff

[6] vergleiche Abb.5.1 in Fischbach KF und Niggeschmidt M (2016) „Erblichkeit der Intelligenz. Eine Klarstellung aus biologischer Sicht“. Springer VS Um den Punkt an einem Bild zu verdeutlichen: Wir bringen Weizensamen auf zwei Feldern aus. Jedes Feld bietet den Samen auf seiner Fläche identische Bedingungen, aber das eine Feld wird gleichmäßig gedüngt, das andere gar nicht. Auf beiden Feldern sind Unterschiede in der Wuchshöhe individueller Pflanzen nur auf genetische Unterschiede zurückführbar (jeweils 100% genetischer Varianzanteil), der Unterschied im Mittelwert der Wuchshöhe zwischen den Populationen der Felder ist jedoch allein dem Umweltfaktor "Düngung" geschuldet (in unserem theoretischen Beispiel vernachlässigen wir den Varianzbeitrag rein zufälliger Faktoren). In ähnlicher Weise sagt ein hoher genotypischer Varianzanteil (früher "Erblichkeit" genannt) noch nichts aus über die Ursache von IQ-Unterschieden zwischen Gruppen.

[7] Flynn JR (2013). Intelligence und human progress. Elsevier, Oxford.

 

 

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